MANV-Übung am 9.11.2013

Feuerwehr und Rettungsdienste üben ‚Massenanfall von Verletzten‘
Den Sanitätern und Feuerwehrleuten offenbart sich am Samstagmorgen ein katastrophales
Bild an der Unfallstelle. Aus heillos ineinander verkeilten Autos hören sie verzweifelte
Schreie: „Schatz, wo bist du?“ – „Helfen Sie doch meiner Tochter!“ –
„Mein Mann ist noch eingeschlossen.“ Dazwischen irren Menschen herum.
Ständig treffen neue Einsatzwagen ein. Weitere sind, wie Sirenen vermuten lassen, noch
auf dem Weg. Zum Glück ist das Schadensereignis, so heißt es in der Fachsprache,
nur inszeniert. Die „Verletzten“ sind zumeist Mitglieder der Jugendfeuerwehren,
ihre Wunden geschminkt. Solche Katastrophenschutzübungen mit ehrenamtlichen Mitgliedern
von Rettungsdiensten finden in Mannheim regelmäßig statt, sie gewährleisten in der
Realität schnelle und optimale Hilfe für die Opfer. Die dazugehörige Stabsübung für
hauptberufliche Mitarbeiter war drei Tage zuvor angesetzt.

„Im Notfall ist es lebenswichtig, dass Berufsfeuerwehr, Freiwillige Feuerwehr und die
Rettungsdienste auf allen Ebenen reibungslos zusammenarbeiten“ betont Erster Bürgermeister
und Katastrophenschutz-Dezernent Christian Specht. „Daher veranstalten wir immer wieder
Planübungen im Stab und realitätsnahe Vollübungen mit den Einsatzkräften. Die dabei
gewonnenen Erkenntnisse nutzen wir für die weitere Verbesserung unserer Notfallplanungen.“

An diesem Novembervormittag wird eine Massenkarambolage auf der Autobahn inszeniert.
Der Schauplatz befindet sich auf einem Firmengelände im Rheinauer Hafengebiet. Die zwei
parallelen Parkplatzreihen mit einem Grünstreifen dazwischen sind leer, sie sollen
Fahrbahn und Gegenfahrbahn darstellen.

Die sechs Abteilungen der Freiwilligen Feuerwehren (FF) Rheinau, Friedrichsfeld, Neckarau,
Wallstadt, Nord und Innenstadt beteiligen sich an der Übung, die Feudenheimer Floriansjünger
stellen die Wachbesetzung in der Feuerwache Süd für echte Notfälle. Darüber hinaus sind
die Mannheimer Berufsfeuerwehr sowie die Johanniter Unfallhilfe, das Deutsche Rote Kreuz
(DRK) und die Malteser mit von der Partie, außerdem drei Notfallseelsorger. Das Technische
Hilfswerk (THW) sorgt für die Verpflegung der Rettungskräfte nach ihrem Einsatz.

Maren Schwerdtner, Mitglied der FF Neckarau und der Johanniter, und der für solche Fälle
zuständige DRK-Mimtrupp von David Loröch haben die „Verletzten“ vor Beginn der Übung
erschreckend realitätsnah geschminkt. Noch laufen die Opfer trotz ihrer „Blessuren" gut
gelaunt zwischen den Autowracks (zumeist vom Schrottplatz oder im Stadtgebiet abgestellte
und trotz des Roten Punktes nicht beseitigte Fahrzeuge) herum und scherzen. Dann bekommen
sie das Zeichen: Es geht los, sie klettern in die Autos, Trockennebel steigt auf.

Kurz nach 10 Uhr hört man das erste Martinshorn aus der Ferne, kurze Zeit später treffen
die Einsatzkräfte ein, Rettungsdienst und Feuerwehr sind etwa gleichzeitig vor Ort. Sie finden
zehn ineinander verkeilte Autos, in denen 20 mehr oder weniger schwer Verletzte eingeklemmt
sind. Sie müssen freigeschnitten und versorgt werden. Zehn weitere Unfallbeteiligte laufen
orientierungslos durch die Gegend.

Der Einsatzleiter der Feuerwehr nimmt die erste Sichtung vor. Er geht durch das Blechknäuel
und malt zwei durch ein Komma getrennte Zahlen auf die Autos: Die erste Ziffer markiert das
Auto, die zweite die Zahl der Eingeschlossenen. „So können die nachfolgenden Einsatzkräfte
gezielt arbeiten“, erklärt Abteilungspressesprecher Jochen Petzinger von der FF Friedrichsfeld.
„Die 7,3 besagt beispielsweise, dass im siebten Auto drei Verletzte sind.“ Rund 20 Minuten
dauert diese Bestandsaufnahme, auch „Chaosphase“ genannt. „Die gibt es immer bei Katastrophen
dieser Größenordnung. Unser Ziel ist, sie so kurz wie möglich halten“, weiß Petzinger.
Doch der Begriff täuscht – alles läuft trotz des Durcheinanders sehr strukturiert ab.

Gleiches gilt für die Rettungsdienste. Sie verschaffen sich parallel zur Feuerwehr einen
Überblick über die Schwere der Verletzungen. Für die Übung sind – natürlich anders als in
der Realität – Zettel mit drei Zahlen an der Kleidung der „Unfallopfer“ befestigt: Puls,
Atemfrequenz und Blutdruck.

Die Einsatzleiter der Feuerwehr, der Rettungsdienste und der Polizei beraten jetzt mit dem
Leitenden Notarzt über das weitere Vorgehen. „Das A und O ist, dass die Rettungskräfte schnell
zueinander finden“, betonen Petzinger und Wolfgang Hettinger vom Führungsdienst der Berufsfeuerwehr.
„Gut, dass wir in Mannheim kurze Wege haben“, ergänzt Rettungsassistent und
Ehrenamtskoordinater André Kühner von den Johannitern.

Feuerwehr und Rettungsdienste beginnen mit dem Transport der Verletzten aus den Autos und der
zweiten Begutachtung der Patienten. „Es können jederzeit Komplikationen auftreten, die zunächst
nicht erkennbar waren, deshalb erfolgt laufend eine dynamische Bewertung der Betroffenen“,
erläutert Kühner. Zu diesem Zeitpunkt ist für die Einsatzkräfte klar:
Hier liegt MANV 3 bis 4 vor. MANV steht für „Massenanfall von Verletzten und Erkrankten“.

Die Krankenhäuser sind alarmiert, im Ernstfall sind die ersten Patienten schon auf dem Weg dorthin.
Angeforderte Rettungsfahrzeuge vom Bevölkerungsschutz treffen am Unfallort ein. Sie lassen sich
die Lage schildern, bauen Zelte für die weitere Versorgung auf. Was aussieht wie ein Ameisenhaufen,
folgt klar gegliederten Hierarchien.

Für die Feuerwehr bleibt nach der Bergung der Verletzten nun noch die Sicherung der Autos. Unter
Umständen müssen Batterien abgeklemmt, alternative Kraftstoffe gesichert oder Gefahrgut von der
Unfallstelle entsorgt werden.

Drei Stunden später hat sich die Lage auf dem Firmengelände im Rheinauer Hafengebiet weitgehend
entspannt. Die Einsatzkräfte – 64 Feuerwehrleute, 49 Rettungskräfte und Sanitäter sowie drei
Notfallseelsorger – haben ganze Arbeit geleistet. In der Feuerwache Süd erwarten die sechs
THW-Mitglieder unter der Leitung von Tobias Paulik die erschöpften Helfer mit deftigem Kesselgulasch.
Das – so sind sich die Beobachter einig – haben die Männer und Frauen sich redlich verdient.

Textquelle: www.mannheim.de